Psychisch krank zu sein fördert manchmal die Gesundheit

Fotolia.com | Africa Studio

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Ich arbeite u.a. in einer/ für eine Rehaklinik mit psychosomatischem Schwerpunkt. Menschen die aufgrund von Überlastungen, Konflikten, persönlichen und beruflichen Krisen krank geworden sind, lassen sich dort behandeln und erhalten Anregungen und Anleitungen, wie sie sich abgrenzen und in unterschiedlichen Settings besser für sich sorgen können.

Arbeit und psychische Erkrankungen
Auf dem deutschen Arbeitsmarkt geht es turbulent zu. Konflikte und Mobbing am Arbeitsplatz, betriebliche Umstrukturierungen, Führungskräfte ohne wirkliche Kompetenz zum Führen, immer höhere Leistungsvorgaben u.v.m. führen zu Jobverlusten, Langzeitarbeitslosigkeit, Langzeitarbeitsunfähigkeit, zu Krisen und Verlustgefühlen und können ernste psychische und psychosomatische Dysbalancen verursachen.

Diese drücken sich in zum Beispiel in Depressionen und depressiven Episoden, Angststörungen, Kopfschmerzerkrankungen, und manch anderen Formen aus, in denen das System aus Körper und Seele die Notbremse zieht und nach Aufmerksamkeit ruft. Diesen Erkrankungen sind häufig leichtere Warnsignale vorausgegangen. Verspannungen, Rückenbeschwerden und Unruhezustände sind nur einige der klassischen Symptome, mit denen der Körper sein fehlendes Einverständnis mit bestehenden Rahmenbedingungen oder Ereignissen signalisiert. Meist sind diese aber übergangen oder überhört, oder wegmediziert worden, denn man muss ja am Ball und leistungsfähig bleiben.

Der Anteil psychischer Erkrankungen an der Gesamtzahl der Berentungen ist hoch, und wird immer höher: „Im Jahr 2008 gingen 12,7 Prozent aller Rentenzugänge aufgrund verminderter Erwerbsfähigkeit oder Erwerbsunfähigkeit auf affektive Erkrankungen zurück. Sie sind damit die häufigste Erkrankungsgruppe bei Erwerbsunfähigkeits- und Erwerbsminderungsrenten.“, so schreibt die Psychotherapeutenkammer NRW (Quelle: https://www.ptk-nrw.de/de/mitglieder/publikationen/ptk-newsletter/archiv/ptk-newsletter-spezial/zahlen-fakten-depression.html, Stand 04.04.2015).

Wie kommt dies zustande?
Unzählige Rehabilitanden berichten mir, dass sie an ihrem Arbeitsplatz Wertschätzung und Anerkennung vermissen. Sie vermissen Kollegialität und Menschlichkeit.
Am häufigsten höre ich von Konstellationen wie den folgenden, innerhalb denen es zu einem Verlust von Menschlichkeit, Respekt und einem wertschätzenden Umgang kommt:

  • Vorgesetzte und Führungskräfte, die nicht in der Lage sind, ihre Mitarbeiter als Menschen zu respektieren, sondern diese nur noch als „human ressources“ sehen
  • Umstrukturierungen wegen Betriebsübergängen oder personeller Veränderungen in Führungsetagen, diese möglichst häufig, damit die höhere Anonymität und Entfremdung zwischen Führungskräften und Mitarbeitern keine emotionale Bindung entstehen lässt, und es den Führungskräften und entscheidungsbefugten Personen leichter fällt, gut verdienende (meist sehr erfahrene und verlässliche und mit dem Unternehmen identifizierte) Mitarbeiter zu entlassen.
  • Leistungsvorgaben wegen wirtschaftlicher Zwänge, die besonders ältere Mitarbeiter in die Überforderung bringen
  • Personalabbau zugunsten finanzieller Einsparungen, jedoch zu Lasten der Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter.
  • Vererbung von Führungspositionen an Söhne oder Töchter, die häufig nicht qualifiziert sind, solche Positionen gut auszuüben, sondern die dies aus Machtdünkel und finanziellen Erwägungen heraus übernehmen.

Diese Entwicklung ist jedoch nicht endlos fortsetzbar, und geht letztendlich zu Lasten des Unternehmenserfolgs.

In einem Unternehmen mit einer menschenunfreundlichen Atmosphäre krank zu werden, ist also eine im Grunde gesunde Reaktion. Denn wir Menschen sind nicht darauf ausgelegt, immer mehr Leistung in immer weniger Zeit zu erbringen. Wir sind nicht auf einen andauernden Stresspegel in unserem Körper ausgelegt. Wir können unseren Motor nicht immer im „roten Bereich“ rasen lassen, es muss auch Erholungszeiten und Phasen der Regeneration geben. Der rote Bereich kommt nicht nur durch „zuviel Arbeit“ zustande, auch durch stressbelastete Situationen wie Konflikte mit Vorgesetzten oder Kollegen, weil die echte Kollegialität und der Blick füreinander fehlen.

Werden Mitarbeiter also psychisch krank, und entwickeln u.a. affektive oder Angststörungen, ist dies häufig eine unbewusste gesunde Reaktion, mit der der Körper Abstand vom Geschehen einfordert. Der Selbsterhaltungstrieb ist aktiviert. Nur so kann eine Distanz entstehen, aus der heraus die eigenen Wertvorstellungen mit denen des Unternehmens verglichen werden können. Denn in kranken Strukturen kann kein menschliches System auf Dauer überleben, wenn es gesund sein, werden oder bleiben will.

Krank oder gesund – ressourcenorientiert betrachtet
Höre ich also von „Patienten“, warum sie seit geraumer Zeit arbeitsunfähig sind, so denke ich manchmal: Eigentlich sind nicht die Patienten krank. Sondern die Strukturen aus denen sie kommen, bzw. die Menschen die auf Kosten von Menschlichkeit und Respekt mit Machtdünkel und Geldgier Führungspositionen bekleiden, sind eigentlich diejenigen, die Unterstützung benötigen, um ihre Mitarbeiter kompetent durch schwierige Phasen des Unternehmens zu führen.

Und so unterstütze ich dort die Menschen mit psychischen Diagnosen in ihrer Absicht der eigenen Gesunderhaltung, damit sie wieder in die Lage kommen, sich selbst zu vertrauen, sich Abgrenzung und Mut zuzutrauen, um für mehr Menschlichkeit und Respekt am Arbeitsplatz, und noch einige andere Werte mehr einzutreten.

„Der Fisch stinkt vom Kopf her“, so heißt es im Volksmund, aber die wahrhaft wichtigen Veränderungen geschehen stets von der Basis aus. Und von dort aus kann Gesundheit wieder entstehen. Denn wir sind soziale Wesen, die aufeinander angewiesen sind.
Durch gesundheitliche Schwierigkeiten können Sie erkennen, dass es manchmal notwendig wäre, für die eigenen Bedürfnisse einzustehen.
Denn die Strukturen ändern sich nicht von alleine, aber jeder kann auf seine Weise dazu beitragen, dass sich etwas „von unten her“ verändert. Das ist nicht leicht, aber es ist der einzige Weg.
Und so kann eine Zeit der Arbeitsunfähigkeit eine Chance sein, um sich neu zu sortieren, und anschließend, mit guter Unterstützung im Rücken, die Flucht nach vorn anzutreten, um selbstwirksam für ein besseres Miteinander einzutreten. Sie sind nicht allein. Suchen Sie sich Verbündete. Es gibt sie.

Und so ist es nur gesund, sich von zerstörerischen Strukturen –  innerlich – zu entfernen. Von wegen psychisch krank.

Barbara Hoffmann
Systemischer Coach (DVNLP)

10 Gedanken zu „Psychisch krank zu sein fördert manchmal die Gesundheit

  1. Liebe Barbara, du hast die Zustände wunderbar beschrieben. Jeder sollte in sich gehen und überlegen, wie er es ein klein bißchen anders machen kann. Dann wuerde sich schon viel bessern und anfangen zu verändern. Leider haben die Menschen vor zu vielem Ängste. Angst vor Verlust des Arbeitsplatzes, Angst vor Nähe …

    Veränderung geht in kleinen Schritten und ohne Hast, indem wir uns wieder Zeit nehmen, uns zu erkennen, unsere Bedürfnisse und die der Anderen wahrzunehmen.

    Mein Motto ist, Ruhe hineinbringen, Ruhe zu bewahren, zu verlangsamen.

    Herzlichst Karin Scherer

    • Danke liebe Karin für Deinen Kommentar. Ja, es ist nicht so einfach, Dinge zu verändern. Zu sehen, dass die körperlichen bzw. psychischen Symptome einem etwas ganz Bestimmtes zeigen wollen, und zu erkennen was das ist, ist erst einmal der allererste Schritt – der bekanntlich schwierigste in Veränderungsprozessen… ich bin also „ganz bei Dir“, wie man so schön sagt! ;) Herzliche Grüße, Barbara

    • Sehr gern! Wenn Sie genau hinschauen, werden Sie erkennen, dass ganz viele Menschen betroffen sind. Nur gibt es so viele unterschiedliche Erscheinungsformen und Bezeichnungen für psychische Beschwerden. Sie sind also gut versteckt, aber am wichtigsten ist es, diese bei sich selbst zu erkennen und gut für sich zu sorgen. Alle anderen müssen den „Job“ ja auch für sich selbst erledigen. ;) Herzlichst, Barbara Hoffmann

  2. Liebe Barbara,

    danke für den wirklich wundervollen, Menschen – liebenden, Artikel. Sehr wertvoll, diese Wahrheit über Gesundheit und Krankheit zu veröffentlichen. Ich kenne sehr sehr viele Menschen, die genau dieses Verständnis von sich selbst in ihren individuellen Arbeits – und Lebensbedingungen dringend brauchen.

    Herzliche Grüße von Claudia

    • Danke liebe Claudia, ich freue mich immer wenn ich ein wenig querdenken kann, und sich Menschen verstanden fühlen. Denn wer definiert, was „krank“ ist und was „gesund“? Doch nur der eigene Leidensdruck. Ich erlebe, dass viele der Patienten in der Klinik eigentlich „richtig herum“ denken, also viele gesundheitsförderliche Einstellungen haben. Diese Einstellungen gilt es zu unterstützen, damit diese „krank“ gewordenen Menschen wieder selbst daran glauben, dass sie eigentlich die Gesunden sind. ;)

  3. Hallo Barbara

    Vielen Dank! Ich bin eine Führungskraft und mir wurde von meinem Chef vorgeworfen, dass ich zu sehr „die Sicht von Mitarbeitern einnehmen würde und zu wenig Chefin sei“. In der Tat habe ich ein sehr gutes Verhältnis zu Mitarbeitern (bei unserem Betrieb gibt es anonyme Umfragen in dieser Hinsicht und meine Ergebnisse sind ausgesprochen gut), und daher arbeiten sie in aller Regel sehr zuverlässig und engagiert auf meinen Jobs. Und mir macht die Zusammenarbeit so grossen Spass. Interessanterweise ist dies auch ein Chef, der viel Mitarbeiterfluktuation hat.
    Von daher – auch wir Führungskräfte werden versucht unter Druck zu setzen, damit ein grosser Abstand zwischen Mitarbeitern und Chefs aufgebaut wird. Und wir sind auch auf die Unterstützung von der Basis angewiesen, damit Herzensführung möglich ist!
    Viele Grüsse
    Miriam

    • Liebe Miriam,
      vielen Dank für Ihre Zeilen! Es freut mich sehr, dass Sie ein gutes Verhältnis zu Ihren MitarbeiterInnen haben. Die QM-Bewertungen zeigen ja anscheinend deutlich, dass Ihre MA das Verhältnis ganz ähnlich erleben! Ich war auch viele Jahre Führungskraft, und mir war auch immer wichtig, dass die Beziehungen zu den MA stimmen. Nur auf einer guten, soliden, wertschätzenden Beziehung zwischen den Menschen, und zwar egal auf welcher Hierarchieebene, kann Zusammenarbeit gelingen, und ein gutes Gefühl zur Arbeit mit Erfolg den Alltag bestimmen. Selbst wenn die Beziehungen innerhalb einer Hierarchieebene nicht stimmen, ist das System aus dem Gleichgewicht geraten, und wertvolle Energie kommt abhanden.
      Bleiben Sie sich treu. Der Druck in den Unternehmen ist riesig, und der Abstand zwischen den Ebenen ist gewollt. Aber Sie haben einen schönen Begriff verwendet: „Herzensführung“. Führung ist tatsächlich auch eine Herzenssache. Denn wer mit Herz UND Verstand bei der Arbeit ist, dem ist der Erfolg garantiert. Herz bedeutet einen Sinn für die Menschen zu haben, die das Unternehmen ausmachen, und das tollste Produkt, das klügste Firmenkonzept, das attraktivste Angebot ist sinnlos, wenn dem Unternehmen die „gute Seele“ fehlt, das Herz.
      Liebe Miriam, lassen Sie sich bestärken (auch wenn Sie es vielleicht gar nicht „brauchen“): Bleiben Sie Ihrem Kurs treu.
      Herzlichst,
      Barbara Hoffmann, Systemischer Coach (DVNLP)

  4. Liebe Barbara,

    vielen Dank für diese offnen Worte aus dem „Epizentrum“ von Menschen, die gestrandet – aus einem System, das immer mehr Roboter, statt Menschen „züchtet“ und im Grunde sind diejenigen, die nicht mehr funktionieren wollen, anderen voraus. Denn sie sind Vorreiter einer notwendigen Veränderung und auch ich stärke in meiner logotherapeutischen Begleitung den Einzelnen, damit er seine Werte hinterfragt, um neu in „das Spiel des Lebens“ einzusteigen. Mit einem neuen Blick und mit einem Bewußtsein für die Eigenverantwortung, im eigenen Rahmen eine Nische der Freiheit zu finden oder eben auszusteigen, um dieses Spiel nicht mehr mitzuspielen und einen eigenen Weg zu finden. Dafür gibt es nie Pauschalaussagen, sondern es ist die Reise eines jeden auf dem Weg zur Harmonie, Balance und dazu gehört viel Mut. Am besten vermittele ich ihn, indem ich ihn selber lebe. Packen wir´s an! ;)

    Vielen Dank für diesen wunderbaren Artikel, liebe Kollegin!

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